Das Kinder- und Jugendtelefon Halberstadt feiert sein 30-jähriges Bestehen

An die Anfänge des Kinder- und Jugendtelefons Halberstadt erinnert sich die Koordinatorin des Angebots, Elke Dohrmann, noch sehr gut: „Das war eine bewegte Zeit in den 90er-Jahren.“ Am 1. Februar 1991, vor 30 Jahren, geht das damalige Kummertelefon Halberstadt mit der Initiativgruppe um Erna Ziemann (später Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und des Silbernen Roland) ans Netz.

Zu Beginn wird das Angebot unter Trägerschaft der AWO (Ortsverband Halberstadt) montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern sichergestellt. 1996 erfolgt die Aufnahme der Halberstädter Initiative in den bundesweiten Dachverband BundesArbeitsGemeinschaft Sorgentelefone. „Das war bahnbrechend für uns, denn nun profitierten wir von der bundesweiten Nummer sowie dem umfangreichen Wissen“, erinnert sich Elke Dohrmann. Am 1. Juli 1997 erfüllt sich ein großer Traum der Koordinatorin: Das in „Kinder- und Jugendtelefon“ umbenannte Beratungsangebot ist nun endlich für alle Kinder und Jugendliche kostenfrei unter der bundesweiten „Nummer gegen Kummer“ 0800 111 0 333 erreichbar. Es folgt die Anpassung an die einheitlichen Beratungszeiten von montags bis freitags 15 bis 19 Uhr und die vollständige Umstellung auf das Ehrenamt.


Auch der Ort, von dem aus die Ehrenamtlichen die anrufenden Kinder und Jugendlichen anonym beraten, wechselt in den vergangenen 30 Jahren oft: Von einem Zimmer in der Kita Regenbogen über die Kita in der Eike-von-Repgow-Straße bis zum heutigen Standort in der Halberstädter Altstadt. Er konnte mit Unterstützung der Halberstädter Wohnungsbaugesellschaft 2018 bezogen werden: „Hier haben wir ziemlich perfekte Bedingungen mit schönem Beratungsraum und einem Gemeinschaftsraum für die Beraterinnen und Berater“, erzählt die Koordinatorin. Heute gehören 26 Ehrenamtliche zum Halberstädter Team, eine Beraterin ist sogar seit den Anfängen dabei. Einige Trägerwechsel liegen hinter dem Angebot. In den vergangenen zwei Jahren mussten die Telefonberater*innen sogar auf politischer Ebene um die Existenz des Telefons kämpfen: „Das hat uns als Team richtig zusammengeschweißt. Die Ehrenamtlichen sind einfach großartig!“, schwärmt Elke Dohrmann. Nachdem die AWO KV Harz e.V. nach 26 Jahren die Trägerschaft abgibt, erfolgt am 1. Januar 2018 der Wechsel zur AWO Magdeburg e.V. Eine Änderung der Zuwendungsbedingungen führt dazu, dass der Träger das Angebot zum 31. Dezember 2019 einstellt. Der erfolgreiche Kampf der Ehrenamtlichen, politische Unterstützung, insbesondere durch die Landtagspräsidentin, Frau Gabriele Brakebusch, und das Verantwortungsbewusstsein des Kinderschutzbundes Landesverband Sachsen-Anhalt e.V. führten zum erneuten Trägerwechsel. 
Nach vier Monaten Zwangspause geht die Beratungstätigkeit mitten im ersten Corona-Lockdown im Mai 2020 weiter: „Der Bedarf des Kinder- und Jugendtelefons ist mehr da denn je“, betont Elke Dohrmann. Die Belastung von Kindern und Jugendlichen durch die Corona-Pandemie bekommen die Berater*innen besonders durch Anrufende zu spüren, die ihre Freunde vermissen oder denen zuhause regelrecht die Decke auf den Kopf fällt. Im Vergleich zu den Anfängen in den 90er-Jahren gibt es verschiedene Veränderungen. Der signifikanteste Unterschied ist die Veränderung des Geschlechterverhältnisses: 
Während zunächst deutlich mehr Mädchen, ca. 80 Prozent, das Angebot nutzten, sind mittlerweile über 50 Prozent der Anrufenden männlich. Das hat für die Koordinatorin auch etwas mit dem veränderten Rollenverständnis zu tun: „Heute ist es eher ein Zeichen von Stärke, wenn sich Jungs und Männer Hilfe holen.“ Um die 30 Stunden Beratungstätigkeit pro Woche sicherzustellen, wird in der Regel in Halberstadt jährlich ausgebildet: Seit 1991 waren das über 220 Engagierte, die bis heute in über 30. 000 Stunden den über 232.000 Anrufenden Verständnis, Kompetenz und Zeit schenkten.
Die Ehrenamtlichen treffen sich normalerweise ein- oder zweimal monatlich zu Supervisionen, Fortbildungen oder Ausflügen, um sich zu qualifizieren und den Teamgeist zu stärken. Das Erreichte erfüllt Elke Dohrmann mit Stolz. Trotzdem hat sie für die Zukunft noch Wünsche offen. Gerne würde sie das Angebot des KJT Halberstadt um das Projekt „Jugendliche beraten Jugendliche“ erweitern, in dem junge Ehrenamtliche ihre Altersgenossen durch ein offenes Ohr unterstützen. Sachsen-Anhalt ist eins der sehr wenigen Bundesländer, in denen es dieses großartige Angebot noch nicht gibt. Hierfür sucht sie noch eine Finanzierungsmöglichkeit. „Und natürlich wünsche ich mir, dass das KJT Halberstadt auch sein 40-jähriges Bestehen schafft!“, betont sie. Dann hoffentlich mit einer richtigen Feier. Aufgrund der Corona-Pandemie konnte das diesjährige Jubiläum immerhin mit einem virtuellen Festakt gefeiert werden. 


Larissa Benz

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